Nun endlich, da ich wieder in die Weiten des Netzes zurückgefunden habe, weiß ich nicht mehr weiter. Es gibt so viel zu sagen, doch ist es in der Kontinuität des Ganzen so irrelevant. Was bedeuten meine persönlichen Sorgen im Vergleich zum angehenden Suizid der Menschheit – nur als Beispiel. Und doch, es obliegt dir, lieber Leser, ob du weiterliest oder nicht. Es ist deine freie Entscheidung.

Es ist seltsam befreiend, diese Gedanken, die man – verzeih, die ich – mit mir herumtrage niederzuschreiben und in die Weiten zu schicken. Es besteht ein kleiner Funken Hoffnung, gehört zu werden, und noch ein kleinerer, ein Versuch, das Zündholz am Schächtelchen zu entfachen, von jemandem mit offenen Ohren und Herzen gehört zu werden.

Noch viel seltsamer ist die Art und Weise, wie unser – oder mein – Dasein mit Musik, Theater, Film und Literatur verändert werden kann. Nicht nur das Dasein, die kurzfristige emotionale Lage und das Denken – je nach Gewichtung des Einflusses auch hier kurz- oder langfristig. Ist von einer schönen Liebesgeschichte die Rede so ist der Traum einer Begegnung nahe. Einer Begegnung mit dem Unbekannten, dem Einen mit offenem Herzen. Die erste Berührung ist alleinig ein Stromstoß durch die Hände beider. Sanft wird angegriffen, der Andere ist im Dunkeln so klar wie noch nie gesehen wurde. Dann, eine Hand an der Hüfte. Ein Hauch von Kuss, kaum der Rede Wert, Berührung genannt zu werden und dennoch intensiver als alles bisherige Erlebte. Eine Wiederholung, ein aufkommendes Verlangen… der Traum nach einem Liebesroman, der in zwei Stunden gelesen werden kann. Und dann, eine Folge von „Geisterjägern“, in einem Chevy Impala, in dem hauptsächlich Hard Rock und Heavy Metal läuft. Gleich bereit für das nächste Abenteuer. Diese kleine Ficker sollen ruhig kommen, wenn sie ihr eigenes Blut sehen wollen – ich bin bereit und nichts hält mich auf Erden. Eine verrückte, verruchte Lebensmüdigkeit für das Wohl der Menschheit, die zudem nichts von ihrem Wohl weiß.

So leicht geht das – zumindest kurzfristig. Aber sind WIR nicht die Summe all dessen, von was wir uns prägen lassen haben? Anfang: Elternhaus, Kinderbücher und -serien, dem eigenen Gedankenspiel mit Plüschtieren, Autos, Lego und Puppen. Dann später unsere ersten Freunde, Bücher, Lehrer – es wird immer weniger, unsere Persönlichkeit wird immer gefestigter und nicht mehr ganz alles lassen wir an uns ran. Einiges prägt uns fürs Leben – sei es ein Buch, sei es ein Film, ein fiktiver Held oder auch ein realer.

Mein Held – es gibt keinen solchen per se. Aber die letzen fünf Jahre hatte ich einen Mentor, der mich sichtlich geprägt hat. Ich denke, er war eine richtige Wahl und bin zufrieden mit meinem Jetzt-Ich. Nicht, dass ich daher ruhen sollte, ich bin nur zufrieden mit meiner bisherigen Entwicklung, die eben stark von diesem Mentor beeinflusst wurde. Ich bekam kommunistische Ideen, verwarf sie wieder für den Humanismus, befasste mich ausführlich mit Politik, mit Literatur, las mich in die ältere deutsche Literatur ein, hatte viel mit Geschichte, Philosophie und Psychologie zu tun, hinterfragte, kritisierte, gab Vorschläge, lies mich nicht von Autoritäten einschüchtern, kam mit mir und meinem unmittelbaren sozialen Umfeld gut klar, fand neue Freunde, schoss sie wieder auf den Mond, fand den ein oder anderen eventuellen Partner und schoss sie weiter als nur bis zum Mond. Beschäftigte mich mit Studienvorbereitungen, beging beinahe den grausamsten Fehler überhaupt, indem ich mit einem Verwandten beinahe zusammengezogen wäre, den ich zu diesem Zeitpunkt kaum kannte. Ich schloss fünf Schuljahre ohne großen Aufwand mit ausgezeichnetem Erfolg ab und stand gut, sowohl mit Schülern als auch Lehrern. Auch die Matura habe ich mit Auszeichnung bestanden, was parallel zum Aufwand doch mehr als Unfassbar wäre, wäre da nicht diese kindliche Neugierde, die mich stets vorantreibt, mehr wissen zu wollen. Dieser Mentor war ein Lehrer, den ich jetzt, mit meinem Abschluss, natürlich praktisch verloren habe. Wir stehen noch teilweise per Mail in Kontakt, aber das ersetzt eben nicht fünf Wochenstunden plus ca. eine Stunde privater Gespräche und Diskurse im gewohnten Umfeld.

Keiner meiner bewusst getroffenen Entscheidungen habe ich je bereut, ich bin kein Mensch, der ständig zurücksieht und die Vergangenheit um das Sein dessen bedauert. Doch ist es mir in diesem Falle passiert, diese überwältigende Trauer, dass nun nichts mehr so bequem sein wird, wie es in der Schule war. Die Pisser gingen mir natürlich ständig auf den Sack, und würden es auch weiterhin im regulären Schulverlauf tun, aber es war dennoch eine Art Familie. Und es tat gut, sich mit Menschen genauer auseinandersetzten zu müssen, es half mir doch, mich nicht etwa zurückzuziehen und zum Beispiel schizoiden Zügen nachzugeben – oder was auch sonst immer passiert wäre. Die Erkenntnis meines ungewöhnlichen Verhaltens kam bald, mit der Sicherheit, dass es weitergeht. Es geht prinzipiell immer weiter und eine spannende Zeit wird mit dem Studium auf mich zukommen. Ich werde Neues lernen, wahrscheinlich auch neue Menschen kennen lernen. Vielleicht kann ich ja mit dem ein oder anderen Professor gutstehen, aber ich stelle es mir schwieriger in einem vollen Hörsaal als in einer 25-Mann-Klasse vor. Was auch immer passiert – ich werde damit klarkommen. Ich bin immer mit allem klargekommen. Ich kann mich auf mich eben verlassen. So was lernt man, wenn man gefühlt ein halbes Leben niemanden hat, der auch nur ansatzweise auf derselben „Wellenlänge“ zu sein scheint. Naja, das habe ich eben in meinem Mentor gefunden. Und es war wundervoll, wie eine Freundschaft, eine echte Freundschaft. Daher tut es mir leid, ihn zu verlassen, oder von ihm getrennt zu werden, aber ich werde schon damit zurechtkommen. Es hilft mir wahrscheinlich, in schwierigen Situationen wertvolle Erinnerungen zurückzuholen, sei es mit einer ordentlichen Portion Metal/Alternative Rock/… (gemeinsame Schiene), die Aufnahme vom Valet, das Abschlussgeschenk oder einfach nur der Gedanke an ihn…. und was er mir sagen und raten würde.

Es ist seltsam, wie ich den einen Menschen so vermisse, bevor überhaupt eine reale Trennung da ist – das war nicht einmal bei meiner Oma so, und sie hatte auch relativ großen Einfluss auf mich. Sie war saucool. Naja, Menschen sterben eben. Aber Menschen die da sind, und Kontaktmöglichkeit haben – die können sich doch sehen!

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