Schlagwörter

, , ,

Das Handy leuchtet kurz auf. Laura, WhatsApp: „Vergiss nicht, Treffpunkt 23.45h beim Eingang, Shake.“

Scheiße, genau. Heute ist der Maturaball. Es kam mir wie eine Vorführung Heiratsfähiger Mädchen vor. Ich durfte keinen falschen Schritt machen – oder meine Zukunft war erledigt. Passend dazu war alles, das nicht im Fokus meiner Sicht war, verwischt und ging ins Schwarz hinein – als ob ich bloß einen Ausschnitt der ganzen Szene erfassen könnte. Aber auch der Rest meiner Wahrnehmung war … eingeschränkt. Eine Qual, ich glaubte im Rücken jemanden zu haben, der mich bestrafen würde, wenn auch nur einem der mehr als dreihundert Gäste ein Fehler an mir und meinem Verhalten bemerken würde. Ich war eine Gefangene – eine Gefangene meiner eigenen Vorstellung. Alle anderen waren entspannt, da sie es öfter erlebten, diese Art von Gesellschaftlichem Leben. Sie wussten, über welche Themen man sprechen durfte und was nicht erwähnt werden durfte. Wie viel MakeUp aufzutragen war, und was overdressed war. Wen man locker begrüßen durfte und wen man nicht wagen sollte, anzusprechen. Ich versuchte bloß zu überleben. Das nackte Überleben in einer Umgebung, die mir neu, fremd, war und ich fühlte, als ob umso leichter mir eine Geste in dieser Gesellschaft fiel, umso mehr würde ich später von meinen Vertrauten verstoßen werden. Am Ende ohne Heimat bleiben.

Die Zeit war eine Variable. Zwischen dem Ball selbst und der Afterparty schien ein ganzer Tag zu liegen, ich wusste nicht warum, es verwirrte mich aber keineswegs. Ich erinnerte mich an die zuvor erhaltene Nachricht von Laura – und war entsetzt: Ich hatte nichts zum Anziehen für die Afterparty. Ich musste ein Kleid tragen, so viel stand fest, für alles Andere würde ich wieder bestraft werden. Das wollte ich mir nicht antun – ich spürte noch jeden Schlag, jeden Satz von der Folter nach dem Ball. So schnell ich konnte, fuhr ich in das nächste Kleidungsgeschäft. Suchte mir ein Kleid raus, knielang, seidig glänzend, schwarz, das Oberteil mit Spitze besetzt. Verwirrung und Schwindel hatten sich im Kopf festgesetzt und so nahm ich das Kleid mit, ohne überhaupt zu wissen, ob es mir passte. Zu Hause wusch ich mich, zog das Kleid an (es passte mir hervorragend, obwohl ich sehr plötzlich an Gewicht zugelegt hatte), holte Schuhe mit Absatz heraus, frisierte mich und trug etwas Kajal auf. Fertig – endlich, spät genug war es eh schon. Ich wollte mit einem Freund mitfahren, aber dessen Auto brach zusammen, weshalb ich den Zug verpasste. Also mit dem Bus. Ich stieg in einen Bus ein und darin waren alle festlich – für die Afterparty – gekleidet. Obwohl mir nur wenige Gesichter auch nur bekannt vorkamen, wusste ich, dass sie zu uns gehörten. Der Bus solle schneller machen, die Sonne war längst untergegangen. Ich wollte meine Kommilitonen informieren, dass ich es eventuell nicht rechtzeitig schaffen würde, aber mein Handyakku war leer. Ich bat einen jungen Herrn gegenüber von mir, mir sein Handy zu leihen, was er auch bereitwillig tat. Da die Nummer meiner Mutter die Einzige ist, die ich auswendig kann, schrieb ich ihr, ich bräuchte einen neuen Akku. Sie schrieb zurück und beschrieb mit den Platz in einer Tasche im Bus, wo zwei AA-Batterien waren. Freudig nahm ich sie an mich, nur um dann zu erkennen, dass ich ja einen Akku brauchte, was ich auch gleich meiner Mutter mitteilte.
An einem alten Busplatz fuhr unser Busfahrer hinein und blieb stehen. Er stieg aus, wollte Eine rauchen, fing dann aber an, sich zu übergeben. Wir stiegen alle aus und ich erfuhr von dem Herrn, der mir sein Handy geliehen hatte, dass der Busfahrer heute zu viel geraucht hatte und dass ihm deshalb jetzt Elend zumute sei.

Auf dem Parkplatz gegenüber sah ich ein Auto einfahren und erkannte an den Aufklebern das Auto meiner Eltern. Strahlend stieg mein Vater aus und glücklich ging ich auf ihn zu – meine Familie war gekommen, mir den neuen Akku zu bringen. Ich dankte ihnen und sie fuhren wieder ab. Zurück beim Bus legte ich den neuen Akku ein und man teilte mir mit, dass der Busfahrer es nicht schaffen würde, weiterzufahren, und dass sonst niemand mit genügend Kompetenzen da sei. Wir würden warten müssen, bis es dem Busfahrer wieder gut ginge. Ich schlug mir auf den Kopf, denn mein Vater, der gerade da war, wäre ja Busfahrer gewesen – wie dumm ich war. Sie hätten mich wenigstens zum Shake fahren können.

An dieser Stelle wachte ich heute morgen schweißgebadet auf. Ganz ehrlich – das ist ein echter Alptraum. Vor so etwas habe ich tatsächlich Angst.

Advertisements