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Onkel Douglas ist wie alle anderen auch zum 80. Geburtstag der Oma gekommen. Ein Familienfest, man trifft alle Verwandte – die lieben und die weniger lieben. Er gehört zu den Rauchern und muss deshalb mal kurz raus. Er fragt sich, wieso sie nicht eigentlich alle draußen sitzen, das Wetter ist schön und die Kinder sind auch draußen. Er fischt seine Zigarettenschachtel aus der inneren Jacketttasche, wo auch gleich ein Feuerzeug drin ist. Douglas steckt sich eine an und lässt den Blick schweifen. Die Kids im Teenager-Alter sitzen zusammen und machen Blödsinn, die 13jährige Susy, der Tim dürfte jetzt auch 13 sein, oder 14, und der „coole“ Flo, der ist aber schon 16. Etwas weiter weg sitzt die 5jährige Jenny im Gras, in ihrem Alter gibt es leider keine Kinder, die heute auch kommen konnten. Irgendwas macht sie mit den Puppen und weil sie so alleine dasitzt, beschließt Onkel Douglas, mit ihr ein bisschen zu reden. „Hallo, kleine Jenny!“ „Hallo.“ „Was machst du denn da Schönes? Spielst du mit deiner Puppe?“ „Ja. Ich schneide ihr die Haare ab.“ „Aber nein, sie hat doch so schöne, lange Haare, warum willst du sie ihr abschneiden?“ „Dass sie weiß, was auf sie zukommen wird.“ „Wie meinst du denn das jetzt?“ „Na, zuerst kommen die Haare dran, dann die Arme und dann die Beine. Ob ich die Teiler im Gesicht wegkriege, weiß ich nicht, die sind ja so klein und mickrig.“ Onkel Douglas ist sichtlich verstört. Die Kleine ist doch erst fünf – und redet wie ein erwachsener Psychopath. „Kleine, das tut ihr doch weh, dass darfst du nicht.“ „Aber es macht viel mehr Spaß, als sie bloß zu erhängen.“ „Ja, und wo willst du das Messer hernehmen?“ Erst, als er es schon laut ausgesprochen hatte, dachte er daran, dass es zwar ganz interessant war, aber doch vielleicht eine unpassende Frage. „Ich habe selbst eins mitgebracht“, meinte Jenny stolz und zog ein kleines Taschenmesser aus ihrem Strumpf hervor. Jetzt war Douglas sichtlich beunruhigt. Fünfjährige sollten kein Messer mit sich führen. „Darf ich mal sehen?“ „Wenn du meinst…“ sagte sie mit einem misstrauischem Blick und übergab ihm das Messer. „Hübsch, es schaut noch ganz neu aus.“ „Ich hab’s geputzt.“ „Aha, deshalb glänzt es so. Dass hast du gut gemacht, darf ich das mal den anderen zeigen? Du kannst ja gerne mit rein kommen!“ „Ich bleibe lieber hier draußen. Und darf ich das da wieder haben?“ „Nur ganz kurz, dann bring ich’s dir wieder. Versprochen.“ „Na, wenn du meinst.“ Douglas ging schnellen Schrittes wieder hinein und fragte die Mutter der Kleinen, seine Schwester Christine, wie Jenny an so ein Messer kommt, und ob sie sich schon lange so benimmt. „Douglas, ich weiß es nicht. Ehrlich. Das geht jetzt schon seit einem halben Jahr so. Peter und ich, wir – wir haben Angst. Was kann es sein? Was fehlt ihr?“ „Vielleicht wäre es ganz gut, dass mal einen Psychologen zu fragen, findest du nicht? Das ist doch unverantwortlich, so kann das nicht weitergehen.“ „An eine Psychotherapie haben wir doch auch schon gedacht – aber ist das gut für Jenny, oder macht er das nur schlimmer?“ „Ich weiß es nicht, aber lass sie bitte mal zu einem Erstgespräch, sie kommt mir schon fast die das Mädchen aus dieser Fernsehserie vor, bloß dass das ein Zombie-Mädchen ist!“ „Du meinst diese Addams?“ „Ja, aber ernsthaft: Mit Jenny ist nicht alles in Ordnung.“ Plötzlich steht sie in der Tür. „Was ist mit mir nicht in Ordnung?“ „Ach Kleines, ist schon gut. Dein Kleid sieht ein wenig schmutzig aus.“ „Krieg ich es jetzt wieder?“ „Natürlich.“ Hilfesuchend geht sein Blick zu Christine. Die schnell schaltet. „Was habt ihr denn da?“ „Ein kleines, blankpoliertes Taschenmesser.“ „Ja, dass muss ich nehmen, Jenny, du darfst sowas noch nicht haben.“ Jenny starrt ihre Mutter an, die verkrampft versucht, ihre Angst vor dem Kind versteckt zu halten, es nicht zu zeigen. Nach etwa zwei Minuten reinem Starren, ohne ein Blinzeln sagt Jenny „Dann eben nicht“, dreht sich um und geht.

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