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Die Arbeit wurde über den Winter nicht weniger und Joseph ist sowieso im Stress. Immer im Stress, immer unterwegs, nie rastend. Heute hat sie einen Termin beim Arzt, denn irgendwie ist sie immer krank. Nicht schwer krank, genau so, dass sie eben noch arbeiten kann. Verkühlt, ein wenig Husten, und das das ganze Jahr über. Nervig, ziemlich. Ein anderer Arzt sagte es sei eindeutig psychosomatisch. Gut möglich, aber das hilft ihr nicht weiter. Ich begleite sie dieses Mal, einfach so. Man ist schließlich befreundet. Eng befreundet. Aber ich hab sie verloren, irgendwie, die letzte Zeit, seit sie so einen Stress hat. Wir sitzen im Wartezimmer, kommen gleich dran. „Soll ich mit rein?“ Bekomme nur einen stummen Blick, der sich gen Boden senkt. Ist klar, ich komm mit rein. Der Arzt befragt sie, checkt sie durch. Schaut sie komisch an, aber das scheint Joseph nicht zu bemerken. Am Ende senkt der Doktor seine Stimme. „Frau Costic, bitte gehen Sie ins Krankenhaus und geben Sie am Empfang diesen Zettel ab. Ich habe einen schwerwiegenden Verdacht, habe aber nicht die Mittel, um es mit Bestimmtheit zu überprüfen.“ „Okey, und um was geht’s?“ „Bitte, ich will Sie wirklich nicht beunruhigen, es könne auch Nichts sein.“ „Wie Sie meinen.“

Wir fahren direkt ins Krankenhaus rüber, zehn Minuten mit dem Auto. Am Empfang sitzt eine übergewichtige, misslaunige Frau mittleren Alters. Die dunklen Haare zurückgebunden, einen farbigen Kittel an. Schaut uns zuerst gelangweilt an. Joseph gibt ihr den Zettel. „Hier, mein Arzt sagte, ich solle den am Empfang abgeben, man werde mich weiterleiten.“ Die Frau hebt eine Augenbraue und kaut auf ihrem Kaugummi weiterhin rum. Sie überfliegt den Zettel und Zeile für Zeile bekommt ihr Gesicht einen mitleidigen, entsetzten Ausdruck. Ganz freundlich und leise sagt sie „Den zweiten Gang rechts, dritte Tür mit der Aufschrift Dr. Husden. Man wird Sie erwarten. Viel Glück.“ Es wird uns mulmig und Joseph bedankt sich, nimmt den Zettel wieder an sich und wir gehen los. Tatsächlich, wir müssen nicht wie üblich warten, kommen sofort dran. Der Typ im weißen Kittel schaut seriös und ernst aus. „Frau Costic, ich bin Doktor Husden. Haben Sie Einwände gegen ein MRT?“ „Nein, nicht direkt. Was ist denn los?“ „Das werden wir gleich erfahren. Bitte legen Sie sich hier hin.“ Brav und etwas verwirrt – vor allem misstrauisch – legt Sie sich hin. Die Prozedur geht eine Weile, ich warte solange neben dem Doktor. Langsam fährt sie aus der Röhre wieder raus, ganz entspannt. „Nun, Frau Costic, ich muss Ihnen etwas Gravierendes mitteilen. Möchten Sie das lieber unter vier Augen?“ „Nein, nein, das geht so schon in Ordnung.“ Der Doktor setzt sich, bietet uns Plätze an und erklärt, dass Joseph eine Gehirnerkrankung hat, die auf jeden Fall tödlich ist. „Wie lange hab ich noch?“ fragt sie. Joseph ist unter Schock. „Nun, ich würde mit den vorliegenden Ergebnissen sagen, etwa bis August.“ Sie sagt nichts. Schaut ihn stumm an. Die Schultern hängend. Der Arzt senkt den Blick. Sie starrt weiterhin gerade aus, sie scheint es gerade versuchen zu verarbeiten. Eine stumme Träne entwischt ihr übers Gesicht, sie macht keine Anstalten, sie wegzuwischen. Nach einer angemessenen Zeit sagt der Doktor behutsam „Wollen Sie medikamentös behandelt werden? Es könnte Ihr Leben verlängern.“ „Es könnte?“ „Ja, aber die Behandlung schlägt nicht bei allen Patienten an.“ „Gut, dann lieber nicht. Bis August?“ „Ja.“ „Sollte ich sonst irgendwas machen?“ „Vermeiden Sie Stress, Alkohol und allgemein alles, was Sie belasten könnte.“ „Gut.“

Joseph hatte sich nicht daran gehalten. Sie hat sich noch viel mehr in die Arbeit gestürzt, praktisch von morgens um 6 bis abends um zehn war sie mit ihrer Arbeit beschäftigt, meistens vor dem Computer. Es war Mai und wir telefonierten etwa einmal die Woche. Sie sagte mir immer wieder, wie stressig alles sei, dass sie keinen Kopf mehr für all das hätte. Ha-ha. Ich sagte ihr, sie könne doch einfach alles hinschmeißen. Nein, sie könne nicht. Andernfalls würde sie in ein Loch hineinfallen. Ihr würde alles über den Kopf wachsen, aber das sei gut so.. denn die Gedanken, die sie sich mache, würde sie keine Arbeits-Sorgen haben, wären viel schlimmer. Sie müsse so  viel arbeiten. Vergiss nicht, wer du bist, sagte ich. Vergiss nicht, dass du wunderbar bist… ein wundervoller Mensch. Was auch immer passiere, ich werde zu ihr halten. Sie habe das Gefühl, alles würde über ihr zusammenbrechen. Alles würde sie begraben. Und dieses Gefühl stimme ja sogar, angesichts der Tatsachen, was sie erwarte. Aber sie müsse sich ablenken. Wir hatten gemeinsamen Urlaub geplant, so für eine Woche, im Juli. Vergiss nicht, wer du bist – und freu dich auf den Sommer. Ja, das werde sie tun. Sie freue sich auf den Sommer. Wir hätten uns die Ferien, die Entspannung verdient.

Das ist zwei Wochen her. Inzwischen liegt sie im Bett, kommt nicht mehr raus. Der Doktor muss täglich kommen. „Ich hab das Gefühl, ich schaff’s nicht mehr bis August. Ich bin so unendlich müde, kaputt.“ „Halt durch. Freu dich auf den Sommer. Im Sommer wird alles besser.“ „Ja… im Sommer wird alles besser.“ „Und vergiss nie, wer du bist.“ „Nein, tu ich nicht. Tu ich nicht.“ Mit diesen Worten schläft sie ein. Für immer, sie wusste es, ich wusste es. Ich schaue sie immer noch an. Es ist jetzt alles besser für sie. Männer in Rettungsuniform kommen, holen sie ab. Ich bleib da sitzen, bekomm eh nichts mit. Schaue weiter gerade aus. Eine stumme Träne entwischt mir übers Gesicht.

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