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Aufmerksam schaute er sich in dem kleinen Raum um. Prägte sich die Position der Kästen und Regale, der Bilder und Poster ein. Achtete auf Details – welche Dokumente wurden wo aufbewahrt, wie waren die Bücher sortiert, wo waren Stromkabel verlegt. Langsam schlendernd berührte er die Möbelstücke und befühlte sie genau. Aus welchem Material waren sie gemacht, hart oder weich, glatt oder rau. Er ging ein Stück weiter und setze sich auf das Sofa, das mitten im Raum stand. Achtsam ließ er sich sinken, analysierte die Größe und Bequemlichkeit des Sofas, vermutete, wie es aufgebaut war. Als er auch die Kleinigkeiten des Sofas im Kopf hatte, schloss er die Augen und erstellte eine virtuelle Kopie des Raumes in seinen Gedanken. Aber um alles genau zu erfassen, fehlte noch etwas ganz Wichtiges. Er senkte die Schultern, entspannte sich und sog den Duft des Raumes ein. Er roch warme Zimmerluft. Durchmischt von etwas frischer Luft von draußen, erkennbar an dem eisigen Charakter, die die Luft zu dieser Jahreszeit noch hatte. Dazu in Holz eingebrannter Schweiß, nicht stark. Er blieb bei der warmen Zimmerluft hängen, aber gab die Konzentration bald auf, da sie ihm Kopfschmerzen bereitete. Dann doch lieber die frische Luft. Bei genauerem Betrachten ließen sich einzelne Bestandteile festhalten: der schneidende Wind, die zerstreuten Abgase, die ersten Frühlingsblumen. Als nächstes, der Schweiß. Hier musste viel und regelmäßig gearbeitet werden. Über Jahre hinweg waren die einzelnen Teile mit schwitzigen Händen penetriert worden und nie ausgewechselt worden. Besonders viel Geld konnte dem Besitzer nicht zur Verfügung stehen.

Der ältere Herr hinter dem Schreibtisch, etwa 60, weiße Haare, glattrasierte Schläfen, schwarze Brille, bat ihn, sich vollkommen zu lösen. Nun, da er den Raum und die Umgebung kannte, war es ein Leichtes, sie auch wieder auszustellen. Er schloss wieder die Augen und ging immer tiefer in sich hinein und die Fläche vor ihm wurde immer unendlicher. Der Boden war schwarz, dunkelgrau, und alles von einem hellgrauen Gitternetz durchzogen. Eine dreidimensionale Umgebung, die nur darauf wartete, ausgefüllt zu werden. Sanft erklang aus keiner bestimmten Richtung die Stimme des Herrn, er fragte, wo er gerne wäre. Er fühlte sich klein. Drehte sich um sich selbst, sah nur die Unendlichkeit, er, verloren in der Mitte, kein Ausweg, kein Entrinnen. Er flüsterte nur, wusste aber, dass der Herr ihn hören konnte. Er meinte, er wäre gerne auf einer Lichtung, im Wald. In der Nähe würde er gerne ein Haus haben und hören, wie die Kinder spielen. Dennoch entfernt sein, in der Wiese liegen, und die warmen Sonnenstrahlen fühlen. Der ältere Herr gebot ihm, sich dies vorzustellen, so realistisch wie möglich. Er solle sich hinlegen, den Duft von einer gemischten Blumenwiese einatmen, Kindergeschrei hören, das kitzelnde Gras fühlen. Hohe Tannen umringten die Wiese, auf der er stand und zentral gelegen befand sich eine alte Eiche. Er atmete tief ein und roch das Nadelgrün und den Blütennektar, die Insekten und die warme, weiche Luft. Langsam legte er sich hin und genoss jeden einzelnen Grashalm, der ganz leicht seinen Nacken streifte und die kleinen Härchen zu Berge stehen ließen. Er befühlte den Grund, die warme Erde und ließ einzelne Kiesel zwischen seinen Fingern kreisen. Bedächtig ließ er die Hand durch die Halme gleiten und pflückte einen Löwenzahn. Er hielt die Blume gegen die Sonne und versuchte, sie mit zusammengekniffenen Augen zu betrachten. Ein Grashüpfer sprang verängstigt von der Blume auf sein Gesicht und irritiert streifte er sich über das Gesicht, um den kleinen Gast wegzubewegen. Zufrieden schloss er die Augen und hörte nun, was um ihn passierte. Einige Flugtiere waren in der Nähe, vielleicht ein paar Bienen. Weiter hinten, im Wald hörte er einen kleinen Gebirgsbach plätschern, das Wasser, dass über die Jahrzehnte die Steine zu schönen Rundungen verholfen hatte, und genauso klar und gut schmecken musste, wie es aussehen mochte. Ringsum ihn zwitscherten einige Vögel, tiefer im Wald war wohl auch ein Specht, dem Klang nach zu urteilen. Als er genauer hinhörte, vernahm er auch einige Kinder, die in ihrem tollen Spiel um die Wette lachten und schrien und fühlte sich wohl, so behaglich. Er sagte, es sei gut.

Nun, da er vollkommen ruhig war, eingebettet in die schönste Fantasie, die ihm blieb, ließ er los. Er löste sich von seinem schwachen Körper und spürte förmlich, wie langsam der Geist, die Motivation, die Kraft aus den Zehen, den Beinen, dann den Fingerspitzen und Armen entglitt. Es war, als zöge diese gelöste Gestalt am Rest ihres Körpers und so entschwand es auch dem Unterleib, doch blieb es am Herz und am Kopf wie kleben. Er atmete tief die angenehmen Düfte ein und entspannte all seine Muskeln und Gedanken ein letzes Mal. Er atmete aus und lies seinen Geist so auf ewig los. Behutsam, leicht wie Luft entschwebte er in die Ferne, blickte dem leblosen Körper nicht mehr nach. Immer weiter trieben ihn sanfte Winde, die sich nie stritten, nie an ihm zerrten. Er war ruhig und wurde müde. In einem Zustand purem Wohlfühlens hörte er auf zu sehen, zu fühlen, zu riechen, zu hören und zu denken. Er war weg.

Der Herr drückte einen kleinen Knopf an seinem Schreibtisch und zwei Männer kamen mit einer Bahre in den Raum. Sie hoben den toten Körper hinauf und deckten ihn zu bevor sie ihn in Würde hinaustransportierten.

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