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Die strikte Selbstbeherrschung wohnt meinem Kopf inne und ist mächtiger als manch Staatsmann. Alles kontrolliert sie – meine Mimik, meine Stimme, meine Worte, meine Gestik, die Art, wie ich laufe, die Art, wie ich denke – die Art, wie ich bin. Ganz der Gesellschaft angemessen passt die strikte Selbstbeherrschung mein Wesen der Stimmung und Personen an, in welcher Gesellschaft ich auch bin, ich kann es schaffen, Bewunderung und Erstaunen auszulösen. Leute, die mich in einer anderen Art von Gesellschaft erlebt haben, sind meist durch und durch verwirrt, ob sie auch tatsächlich dieselbe Person vor sich haben. Ganz leicht – ich beschließe, wie ich wirken möchte und setze die passende Maske auf. Die strikte Selbstbeherrschung hält mich in der Hand wie eine Puppe, verkleidet mich und zieht die Fäden meiner Existenz, meines Da-Seins, sie sagt vor, ich sage nach.

Doch verbirgt sie, wer ich wirklich bin. Doch wer bin ich wirklich? Masken über Masken lagern sich auf meiner Seele – welches ist die Echte – keine Maske – mein Gesicht? Gefühlt ganz und gar den Strängen meiner strikten Selbstbeherrschung ausgeliefert – habe ich es vergessen? So wie Chihiro langsam zu San wurde – wo ist mein Haku (Nigihayami Kohakunush)? Wer löst die Fäden und hilft mir, wieder selbst gehen zu lernen? Doch ich fühl mich allein, meine Welt ist prall voll und doch leer, sinnlos. Keiner, der sich meiner annimmt, denn verschuldet habe ich es doch teils selbst – schließlich ist die strikte Selbstbeherrschung von mir erschaffen, ja erzwungen. Ist das mein Ich? Ein Ich, das die Kontrolle über alles haben möchte und doch nicht kann. Ein Ich, das sich dessen bewusst ist, dass es verloren hat und doch weiterkämpft. Ein Ich, das die Zukunft aufgegeben hat und doch dafür lebt.

Ein Ich, das sich weigert, sein Ich als Ich anzunehmen, in der Hoffnung, dass es ein anderes Ich hat, denn ich möchte nicht so sein. Nein, ich will nicht. Was andere mit dem Aufwachsen gelernt haben, muss ich Schritt für Schritt, Täppchen für Täppchen neu erlernen und im lernen bin ich eigentlich ganz gut. Nur in der praktischen Anwendung nicht. So nähre ich eine Hoffnung weiter, dass ich ein erfüllendes Leben haben kann, doch es raubt Kraft. Manchmal bin ich dessen Kraft nicht Herr und manchmal habe ich nicht einmal die Energie für die strikte Selbstbeherrschung, die kaum Energie braucht, weil sie schon in Fleisch und Blut eingebrannt ist. Manchmal habe ich nichts und falle tief, nicht einmal die Musik vermag mir dann zu helfen.

Statt selbst zu fühlen und zu leben, lese ich Bücher und eigne mir Gefühle an, die nicht mein eigen sind, imitiere Emotionen von fiktiven und realen Menschen, die für mich als Vorbild wirken. Ich fülle meine Leere mit Müll und wundere mich danach, weshalb nichts dabei rauskommt. Doch Ansätze, kleine Lichtblicke schenken mir dann wieder Hoffnung. [My Chemical Romance – Disentchanted passt gut zu meiner Stimmung].

Ich werde – nein, ich muss es schaffen. Ich darf nicht stehen bleiben. Wer gibt mir das Recht dazu? Ich darf nicht, ich muss, ich darf nicht, ich muss … ich muss stark bleiben. Schritt für Schritt macht es mich kaputt, dieser Zwang und obwohl unwissend, woher er kommt, muss ich ihm gehorchen. War wäre, wenn mich nicht immer richtig präsentiere, wenn ich allen meine Fehler offen zeige? Ich wäre … ich wäre ein normaler Mensch? Klingt theoretisch gut. Aber ich kann nicht – meine Leistungen sind das Einzige, wodurch ich mich von der Masse abhebe – meine kleine perfekte Welt, die jeder glaubt, das ich habe. Eine Schulfreundin schrie mich an, was ich glaube, was sie durchmacht, dass sie es nicht leicht hat, also soll ich nicht so gefühlskalt sein. Sie wisse, dass in meiner Welt alles perfekt ist, es keine Fehler gibt, nur Einsen und Zweier, ausgefüllte, angenehme Freizeit, gute Freunde von verschiedenen Vereinen und sonstwo. Aber ihre Welt sei eben nicht ansatzweise so perfekt wie meine. Ich habe nichts gesagt. Ich habe nicht gesagt, dass sie im Gegensatz zu mir eine gesicherte Zukunft im Unternehmen ihres Onkels hat. Ich habe nicht gesagt, dass sie im Gegensatz zu mir das Gefühl von Liebe kennt. Ich habe nicht gesagt, dass sie im Gegensatz zu mir weiß, wer sie ist oder wenigstens, was sie ausmacht. Ich hab ihr nicht gesagt, dass sie im Gegensatz zu mir sich jeden Tag morgens die Frage stellt, was es rechtfertigt, dass ich am Leben bin. Ich habe ihr nicht gesagt, dass sie im Gegensatz zu mir nicht kaputt ist sondern bloß von einem Idioten verlassen worden ist. Ich habe ihr nicht gesagt, dass ich das nicht sarkastisch meinte, als ich sagte, dass mir wahrscheinlich ein Psychiater nicht schlecht tun würde. (Außer dem Problem, dass ich einem Fremden niemals meine innersten Welt offenbaren würde, das tue ich ja nicht einmal bei langjährigen Freunden). Ja, sie hat es echt schwer. Und ich soll nicht so gefühlskalt sein.

Anstatt zu jammern sollte ich mich zusammenreißen (man bemerke, das war die strikte Selbstbeherrschung, nicht das fragwürdige Ich). Ich sollte glücklich sein – ich lebe in einem Luxus-Land mit Sozialausgaben, mit stabiler Wirtschaft, mit Meinungsfreiheit, mit allem drum und dran. Ich sollte definitiv glücklich sein. (Man verstehe mich nicht falsch, ich kann durchaus glücklich sein. Nur jetzt/momentan nicht. Aber ich bin eine talentierte Schauspielerin – es gibt kaum jemanden, der weiß, dass ich nicht 24/7 vor Glück strahle, obwohl ich wirklich Phasen habe, in denen ich 24/7 überdreht bin.)

Ich richte meinen Fokus auf den Sommer, mit der Sonne und der Wärme und den langen Nächten kommt ein gewisses Maß an Freude von ganz alleine. Und ich werde den Sommer genießen. Ich würd ja YOLO schreiben, aber dann würde ich mich zutiefst schämen. Besonders, weil man jeden Tag lebt, man stirbt nur einmal. Dann müsste es aber YODO heißen. Nach Yoda das klingen. Absolut bescheuert das sein. Ach was, jetzt bin ich schon ein Stück fröhlicher – oder immer noch „My Medicine“ von The Pretty Reckless im Kopf. Es geht mir schon besser. Irgendwie.

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