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Ein Abend wie jeder andere im Proberaum. Ich sitze da, spiele mit, schotte mich von den anderen ab. Das nächste Stück ist etwas schwieriger, ich gehe noch einmal die Griffe durch. Eigentlich ist es ja egal, die Bässe werden eh viel zu langsam sein und der Dirigent wird das Stück nochmal und nochmal von vorne durchnehmen. Pause. Warum eigentlich? Sie sind im Musikverein und schaffen es nicht, lächerliche zwei Stunden durchzuspielen? Für mich unnötig, die Pause. Ich bin eh bloß am Handy. Die Gespräche der ungefähr Gleichaltrigen sind mir zu kindisch und unpolitisch, die Älteren sind etwa auf derselben Höhe und die Jüngeren sind noch schlimmer. Warum bin ich eigentlich in diesem Verein? Weil ich gerne spiele. Und mit vielen klingts einfach besser. So. Ich muss mit ihnen ja keine Soziopolitischen Diskussionen eingehen. Pause vorbei. Endlich. Wir nehmen einen Marsch hervor. Verflixte Märsche. Für meinen Geschmack zu schnell, zu undeutlich geschrieben und .. es sind doch eh irgendwie alle gleich. Wie prophezeit, sind die Bässe zu langsam. Und die Posaunen auch. Das tiefe Blech wiederholt die Stelle. Mein Blick schweift ab. Ziemlich viele Fliegen-Leichen in den Leuchtstoffröhren… wie kommen die dahin? Die Fenster sind klein, aber irgendetwas hat sich davor bewegt. Aus Mangel an interessanteren Objekten, beobachte ich die Fenster, vielleicht bewegt sich das Ding noch einmal. Und tatsächlich – ein Gesicht. Ich schaue genauer hin … ein mir bekanntes Gesicht, sogar sehr bekannt. Ich springe auf, drücke meiner Nachbarin meine Querflöte in die Hand „Halt mal!“ und eile zur Tür in den Flur. Alle starren verwirrt nach. Ich renne den kurzen Flur entlang und gehe nach draußen, ich erwischte ihn sogar noch. „Was…was zum Teufel tust du hier?“ Er senkte den Blick. „Ich glaube, ich muss dir etwas Wichtiges sagen.“ „Was denkst du dir eigentlich??“ schreie ich ihn an. Obwohl er schon irgendwie niedergeschlagen aussieht. „Du kannst nicht einfach in mein Leben platzen, es mit den schönsten Farben füllen, dann abhauen und plötzlich wieder auftauchen!“ Jetzt blickte er überrascht. „Ich dachte…?“ „Du dachtest was? Dass ich nicht für über zwei Monate total in dich verschossen war? Oder dass ich es nicht schaffen würde, wieder von dir loszukommen?“ Ein paar Leute sind rausgekommen, aber es war mir egal. Das hier war wichtiger. „Verdammt…“ eine Träne rann mir über die Wange „Woher weißt du überhaupt, dass ich hier bin?“ Er suchte ganz eindeutig nach Worten und formte mit seinen Lippen diverse Wörter oder Sätze, schien aber nicht die richtigen zu finden. „Ich.. ich wusste nicht.“ „Schon klar, du warst ja auch mit dir beschäftigt.“ „Das ist nicht .. doch, scheiße, ist es. Es ist wahr. Und es tut mir leid.“ er seufzte tief und ich auch. Mittlerweile standen wir uns gegenüber. Fast Kopf an Kopf. Nur etwa ein halber Meter dazwischen. „Was ich dir eigentlich sagen wollte, ist Folgendes. Du weißt ja, um was sich meine Gedanken drehen.“ Er verstummte kurz und grinste. „Ja, du wusstest eigentlich immer, woran ich denke.“ „Hast mir ja auch alles erzählt, was dir gerade in den Kopf kam.“ „Ja, ich weiß nicht, warum ich solange blind war… immer habe ich das perfekte Mädchen gesucht, und dabei nicht gesehen, dass sie schon lange an meiner Seite war. Das wollte ich dir sagen.“ Er schaute mir kurz in den Augen und blickte dann zu Boden. Nervös knetete er seine Hände. Ich nahm seine Finger und kreuzte sie mit den meinen. „Meinst du das jetzt im Ernst oder verarschst du mich nur?“ Er blickte hoch und hob nur eine Augenbraue. Er meinte es ernst. Verdammt ernst und meine Hormone wechselten zwischen Rumba und Tango ab. Jetzt suchte ich nach Worten. Aber ich fand keine. Und so umarmte ich ihn einfach. Heftig. Ich drückte ihn an mich und wollte ihn nie wieder loslassen. „Sorry.“ flüsterte ich in sein Ohr. Abrupt fasste er mich an der Taille und schob mich weg, sodass er mein Gesicht sehen konnte und ich seinen entsetzten, panikartigen Gesichtsausdruck erblicken konnte. „Sorry, aber ich hab gelogen. Ich mag dich immer noch mehr als nur so.“ Er lächelte von ganzem Herzen und umarmte mich wieder. Die anderen waren inzwischen hinein gegangen. Sie spielten den Hochzeitsmarsch. Kitschige Schweine. Aber ich grinste nur. Grinste über beide Ohren und freute mich. Ich wollte ihn nie mehr loslassen, nie mehr verlieren. Immer bei ihm bleiben und ihm alles geben, was ich habe. Gleichzeitig mich in seiner Liebe baden. So perfekt. So glücklich. „Aber sag, woher wusstest du, wo ich war?“ „Nimms mir nicht über, aber ich bin dir nachgelaufen und hab mich vorher nicht getraut, dich anzusprechen.“ Ich grinste wieder. „Kleiner Stalker.“
„Du bist es wert.“

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