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Der erste Weihnachtstag war vorbei. Endlich. Ich fühlte mich krank von all der „Liebe“ – war sie doch eh nicht echt, man dachte eben, man tue etwas Gutes, man sei gut. Aber keiner dachte ernsthaft darüber nach, was sie damit sagten. „Frohe Weihnachten“ war wahrscheinlich gleich nach „Ich hab die Kekse nicht gegessen“ die größte Lüge in dieser Zeit. Naja, bald würde es eh vorbei sein, die Menschen vergaßen so schnell, diese Werte, die sie zuvor noch hochlobten. Auch gut, dann lügen sie wenigstens nicht mehr. Ich schrieb noch den Eintrag im Tagebuch zu Ende und machte das Licht aus, legte mich schlafen. Ich war kaputt, müde bis zum Gehtnichtmehr und konnte dennoch nicht schlafen. Ich tastete nach der Fernbedinung und schaltete die Musik an. Beethovens Fünfte. Herrlich. Ich schloß die Augen und mit jeder Sekunde segelte ich ein Stück weiter ins Land der Träume. Es wurde schwarz, ich konnte mich an mehr nicht erinnern. Dann aber, ein Läuten. An der Tür. Ich schaute zur Uhr. Es war halb drei in der Nacht. Wer zum Teufel kam zu dieser Stunde noch? Halb schlafend stand ich auf und nahm sicherheitshalber mein Taschenmesser aus der Schublade, klappte es auf und ging zur Tür. Langsam machte ich die Türe auf und kniff die Augen zusammen, um richtig zu sehen, denn da draußen standst … du. „Kann ich bei bei dir schlafen? Der Zug ist stehen geblieben und naja.. “ Ich war aufgeregt. Mein Herz schrie: Ja gerne, komm rein, ich freu mich dich zu sehen. Aber ich war müde und mein Verstand wusste dennoch, beruhig dich, diese übermäßige Freude tut nicht gut, wird mir noch weh tun. So brummte ich nur was und schaute dich mit verschlafenen Augen kurz an. Ich winkte dich mit dem Kopf hinein und schloß die Tür hinter mir. Du umarmtest mich. „Danke.“ Ich klappte das Messer zusammen. „Was war das?“ Ich hielt das Messer in die Höhe. „Brauch ich nich mehr. Warte hier.“ Ich schritt die Stiege in den zweiten Stock, ging ins Zimmer meiner Schwester, die tief genug schlief, um nichts mitzubekommen und holte einen Schlafsack aus dem Schrank. Trägen Schrittes ging ich wieder runter zu dir und öffnete die Tür zu meinem Zimmer. Äußerlich müde, innerlich aufgeregt packte ich den Schlafsack aus, warf ihn auf den Boden und nahm mir ein Polster vom Bett. Ich wieß auf das Bett und du versuchtest zu protestieren „Ich kann doch auf dem Boden schlafen, mach dir da keine Umstände.“ „Halt die Klappe, ich halte mehr aus wie du, aber zieh bitte die Schuhe aus.“ „Ok.“ Ich schlüpfte in den Schlafsack und drehte mich um. „Danke, nochmals. Ohne dich würde ich jetzt irgendwo im Freien schlafen müssen.“ „Gute Nacht.“ brummte ich noch ein letztes Mal, bevor ich mich umdrehte. Du solltest wissen, dass du mich am Vortag verletzt hattest, dass ich mir das nicht gefallen ließe. Ich wusste auch, dass das Quatsch war, mein Inneres war schon lange bereit, dir zu verzeihen. Aber ich war auch müde. So nahm ich nochmals die Fernbedinung und wieder erklang Beethovens Fünfte .. und die Mondlichtsonate … und Für Elise … und dann begann ich erst langsam zu schlafen. Am Morgen erwachte ich vor dir. Hatte ich auch erwartet, ich wusste, dass du im Schnitt noch länger schläfst wie ich. Ich blieb noch liegen und während ich so dalag und nachdachte, erwachtest du langsam. „Guten Morgen.“ „Morgen.“ „Danke.“ „Ach komm schon, es reicht jetzt. Aber was ist gestern passiert?“ „Ich war mit Freunden aus…dann rief meine Freundin an. Oh, du schläfst schon wieder?“ „Nein, bin nur immer noch müde, habe aber nur die Augen zu. Erzähl weiter.“ „Ja, ok. Also – wir haben uns gestritten, und ich hatte da keine Lust mehr auf Party, deshalb fuhr ich nach Hause.“ „Da bist du aber in der falschen Stadt, mein Lieber.“ „Schon klar, der Zug hatte was, deshalb mussten wir alle hier aussteigen. Der nächste Zug wäre erst in einer halben Stunde gekommen und ich wollte irgendwie auch nicht nach Hause. Und da bist mir du eingefallen, ich hab ja noch deine Adresse…“ deine Stimme wurde immer leiser. „Es tut mir leid, dass ich dich letztens so angefahren habe.“ Ich setzte mich auf, lehnte mich an meinen Schrank. Mein Gesicht war von Ernst gezeichnet. „Entscheide dich bitte einfach: Entweder du lässt ab von mir, oder du sagst mir klar, was du eigentlich von mir willst. Was bin ich für dich? Einfach eine kleine Freundin, bei der du ab und zu deine Last ablegen kannst? Jemand, mit dem du ernsthaft gerne redest? Oder was? Ich wüsste gerne, woran ich bin.“ Du blicktest zu Boden. Überlegtest. Und ich sag dich gequält-erwartungsvoll an. „Ich…ich… ehrlich gesagt, ich weiß es selbst nicht so genau.“ Ein Seufzer der Resignation entwischte mir. „Aber, den Kontakt abbrechen will ich nicht wirklich.“ Ich atmete tief ein und aus. „Bitte, dann behandle mich auch so. Ich halte viel aus, aber irgendwann ist es auch mir zuviel. Ab und zu komme ich mir mehr wie ein Mülleimer vor.“ Dein Blick sprach Entsetzen aus. „Nein… nein. Das tut mir leid.“ Ich zog einen Mundwinkel hoch. Du warst dir irgendwie unsicher. „Dann schlage ich vor, wir essen etwas.“ Jetzt kam auch auf deine Lippen ein Lächeln. „Okey, gerne.“

Dann wachte ich auf und säufzte tief.

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