Schlagwörter

, ,

Am 17.12.2013 wurde mir das Vergnügen zuteil, einer Lesung des Buches „Der überflüssige Mensch: Unruhe bewahren“, geschrieben und gelesen von Ilija Trojanow im Saumarkttheater in Feldkirch um 20.15 Uhr beizuwohnen.

Der deutsche Autor wurde 1965 in Sofia geboren, seine Familie zog als politische Flüchtlinge zuerst nach Deutschland und dann nach Kenia, wo Ilija Trojanow aufwuchs. Heute lebt er in Wien und wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet.

Sein Buch handelt vom radikalen spätkapitalistischen Gedankengang, dass jeder Mensch, der nicht produziert oder konsumiert, auf dieser Welt überflüssig ist und somit nur eine Belastung für die Gesamtheit in Form von Überbevölkerung. Er thematisiert auch die Folgen dieser Denkensweise und betrachtet kritisch diese Darstellung und ihren Denkern – die internationalen Eliten.

Es war auf zweierlei Ebenen ein angenehmer Abend:

Erstens, Herr Trojanow hat eine angenehme Lese-Stimme und daher war das Event auch kurzweilig.

Zweitens, Herr Trojanow hat eine angenehme Art zu Denken bzw. Schreiben. Abseits der Tatsache, dass der Text eine (zu) hohe Frequentierung an Fremdwörtern aufweist, sodass es (beinahe) übertrieben wirkt und einen gewissen Aufwand an Aufmerksamkeit fordert, um dem eigentlichen Inhalt folgen zu können – hier wäre es durchaus sinnvoll gewesen, den Text, den Appell nicht in schöne, sondern klare Worte zu packen.

In der modernen Zeit sind schon viele Menschen darüber aufgeklärt, dass die Überbevölkerung eine Tatsache ist. Also was tun? Erst einmal gar nichts. Denn bis zum Tun ist  es ein langer Schritt, von der Idee zum Gedanken über das Wort zur Handlung – also was denken? Ganz einfach: Herausfinden, welche Menschen zu viel sind. Jetzt kommt es auf die Prägung, die Erziehung, das Weltbild jedes Einzelnen an. Ein Nationalsozialist wird sagen, die Juden – und alle anderen außer wir. Ein Kommunist wird sagen, die Demokraten. Ein Rassist wird sagen, die Farbigen. Ein Ökoterrorist wird sagen, die Kapitalistenschweine. Und was sagen wir? Was sage ich?

Herr Trojanow erklärt uns, dass der Kapitalismus sagt, die Unproduktiven Nicht-Konsumenten sind zuviel. Aber weshalb sollte eine bestimmte Menschengruppe dazu berechtigt sein, sich selbst hervorzuheben, anzugeben, wertvoller zu sein als die Anderen – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – für alle oder nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen?

Ich habe durch Herrn Trojanows Lesung einen neuen Blickwinkel auf diese Problematik bekommen, denn neu ist der Gedanke der Selektion nicht. Ich persönlich spreche jedem Menschen von Grund auf denselben Wert zu. Dieser kann durch verschiedene, individuell beeinflussbare Faktoren in meinem Ansehen gehoben oder gesenkt werden. Wer zum Beispiel einen wirksamen Beitrag zur Umwelt, Gesellschaft oder Kultur beiträgt steigt in meiner Wertvorstellung. Diejenigen, die in denselben Kategorien einen wirksamen negativen Beitrag leisten, dessen Wert sinkt. Mir ist durchaus bewusst, dass ich mich auch selbst in diese strenge Wertung miteinbeziehen muss und komme zum Schluss, dass auch ich Nichts geleistet habe. Aber will ich das ändern? Und darf meine Wertungsmethode überhaupt anders als meine persönliche Wertung angesehen werden? Nein. Denn nach dieser Skala bin ich ja auch nichts Besonderes und deshalb bin auch ich nicht zur Wertung befugt.

Ist ein Einzlner überhaupt als Richter, wer überleben dürfen sollte und wer nicht, fähig oder geeignet? Denn entschieden wird über die Mehrheit und deshalb sollte auch die Mehrheit entscheiden. Aber was denkt die Mehrheit – außer an das eigene Wohl? Können viele Individuen ihr eigenes Wohl in den Hintergrund und den Nutzen für die Gemeinschaft in den Vordergrund stellen? In der modernen Zeit, in der es auf dem Markt darum geht, die Bequemlichkeit des Lebens zu erhöhen, denke ich das nicht.

Wenn man den Menschen bzw. die Menschheit – auch das ist mir nicht vollkommen möglich – ganz rational, wissenschaftlich, in der Relation zu Erde betrachtet, sind wir nicht viel besser als Parasiten, Schmarotzer.

Deshalb sollte sich jedes Individuum seine Existenzberechtigung erkämpfen bzw. erarbeiten müssen.

Vielleicht ist nicht der einzelne Mensch, nicht eine Menschengruppe, sondern die gesamte Menschheit überflüssig.

Advertisements