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Es war ein anstrengender Tag in der Schule: In Geschichte wurde ich mit dem Gedankengut der Nationalsozialistischen Weltanschauung konfrontiert. Auch das Ergebnis der Matheschularbeit war nicht ganz wie erwartet. Was solls, für heute war ich fertig. Ich ging wie gewohnt nach Hause, stieg unten an der Hauptstraße aus dem Bus aus und durch kleine Wege zwischen einigen Wohnblöcke und Reihenhäusern immer weiter nach Hause. Der Weg wurde nicht besonders gepflegt und so waren noch einige rutschige Eisplatten, vor denen Vorsicht geboten war, aber ich liebte das Eislaufen und so nutzte ich die kleinen Platten zum Spiel und rutschte ein wenig herum. Ich fühlte mich wie eine professionelle Eistänzerin und drehte mich auf einer großen Platte – ich drehte und drehte und drehte mich und fühlte mich gut dabei. Vor meinen Augen verschwamm das Bild der winterlich-trostlosen Wohngegend zum Winterwonderland-Park einer Großstadt. Und immer drehte ich mich weiter – so ein schönes Gefühl. Unerwarten und doch irgendwie vertraut fassten zwei starke Hände von hinten an meine Taille und führte mich in einem wunderbaren Eistanz. Wir wirbelten und drehten, schleppten und steppten – aber niemals sah ich sein Gesicht, nur einige geflüstert-gehauchten Worte einer kratzigen Stimme neben meinem Ohr. Nach einer letzten Hebefigur ließen wir die Vorstellung langsam zum Ende kommen und fingen an, uns auszudrehen. Die Bewegungen wurden langsamer und ruhiger bis sie vollends zum Stillstand kamen. Nun stand ich ihm gegenüber, meine kleinen Hände in den Seinen, doch sein Gesicht sah ich immernoch nicht, denn ich hielt den Kopf gesenkt – der Moment war so schön. Langsam hebte ich meinen Kopf und schaute meinem Gegenüber in sein Geicht – ein rauhes Kinn mit Stoppeln eines 3Tagebartes, klare Wangenknochen und halblang dunkel-lockiges Haar umrundeten von Verstand leuchtende grüne Augen. Ich hatte ihn noch nie gesehen und doch – da war was. Um es als „Chemie“ oder „Liebe auf den ersten Blick“ zu bezeichnen war ich zu wenig romantisch veranlagt oder naiv. Aber da war was. Leise rann eine Träne über meine Wange und ich flüsterte in heiserem Ton ein Danke. Er blickte mich weiterhin ernst an und nickte bedächtig, bevor er weiterging. Ich schloss für einen Moment meine Augen und atmete tief ein und aus und nochmals ein und aus bevor ich meine Augen wieder öffnete, mich in der winterlich-trostlosen Gegend ausdrehte und weiterlief.

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