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Wenn er mit einer Datei fertig war, kopierte er sie auf den zweiten – einen sollte die Polizei erhalten, dann mussten sie weniger grübeln und konnten einige ungeklärte Fälle auflösen, und einen würde an ein Forschungsinstitut für Psychologie gelangen. Er hatte auch keine Familienangehörigen oder Freunde, denen das einen Schaden zufügen konnte, er hatte es einfach nur in seinem Testament vermerkt – er konnte sterben, wann es ihm beliebte, das Wichtigste würde dann erledigt werden.

Er schrieb an der Datei weiter – der Verlauf der Durchführung, die Wahrnehmung und Empfindung dabei, davor sowie danach. Die Beendigung der Tat an sich mit dem Reinigungsprozess – dabei klingelte sein Timer. Er stellte ihn ab und schloss die Fenster wieder, wenn er zu lange lüftete wäre es gar zu kalt und er wäre über das Ziel hinausgeschossen. Wieder an seinem Netbook überlegte er die endgültige Formulierung des Berichts seiner Tat:

Ankunft mit dem Moped in der Keerans Street um 19:15. Dort Moped abgestellt, bis zur Pratt Street spaziert. Sonnenuntergang um 19:24. Ankunft Mr. Harsens alleine, zu Fuß um 19:32. Ziehe die Latexhandschuhe an, gehe wie jede Woche am Donnerstag Abend etwas hinter ihm. Nehme das chloroformgetränkte Taschentuch aus meiner linken Tasche in die linke Hand. Verhalten von Mr. Harsen normal, geht gleichmäßig langsam, etwas gebückt, mit Kopfhörern in den Ohren. Mache meine Jacke auf, einen Ausfallschritt, drücke ihm von hinten das Taschentuch auf Nasen- und Mundpartie, er knickt augenblicklich ein. Lege ihn an die Wand zwischen zwei Tonnen, zücke mein Messer, steche ihm mit meiner linken Hand mit relativ großem Kraftaufwand in die Herzgegend, mit der rechten Hand und etwas weniger Kraftaufwand in die Magengegend und mit der rechten Hand und nur mit wenig Kraftaufwand in den Bereich des rechten Lungenflügels. Starke Blutungen treten auf, beim Herausziehen des Messers spritzt es ein wenig. Ich schließe meine Jacke um die gröbsten Blutflecken zu verdecken. Versorge das Taschentuch in einer versiegelten, luftdichten Box und das Messer in eine Innentasche meiner Jacke und wische mein Gesicht ab. Verlasse die Gasse wie immer um 19:36. Grüße höflich eine Passantin, etwa 60 Jahre alt, dunkelgraues, dauergewelltes Haar, trägt ein blaues Kleid mit Blumenmuster und dunkler Stoffjacke. Gehe zu meinem Moped und fahre nach Hause, in die Zabitosky Road.

Die Empfindungen und Abschlussarbeiten kommen in anderen Abschnitten vor. Er speichert die Datei und kopiert sie auf den zweiten USB-Stick. Später wird er sie noch einmal brauchen, zum Nachtrag, wer die Frau gewesen war und die späteren Empfindungen. Er verräumte die Sticks und das Netbook und legte sich nach einem kleinen Abendessen zu Bett.

Er wusste sehr wohl, dass dies keinesfalls das Verhalten eines geistig normalen Menschen war. Ihm war bewusst, dass er eine Störung hatte und kaum zu Emotionen fähig war, was ihn nicht sonderlich störte – oder nein: er war zu Emotionen fähig, aber er hatte kein Moral- oder Ethikverständnis. Er kannte durchaus die Vorstellungen der modernen Gesellschaft, meist wählte er seine Opfer nach diesen Kriterien – William Harsen zum Beispiel war ein Büroarbeiter, Mitverursacher eines Bankenskandals, der nichts mehr vom Leben zu erwarten hatte. Seine Frau hatte ihn bereits verlassen, seine zwei Söhne wollten keinen Kontakt mehr mit ihm und seine Eltern waren bereits verstorben. Die wenigen Freunde, die er noch hatte sah Mr. Harsen mehr oder weniger nur noch beim allwöchentlichen Kartenspiel und Besäufnis am Wochenende. Um diesen Menschen war es nicht schade, keiner wurde ernsthaft um ihn trauern.

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