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Nun endlich, mein Gemüt hat sich beruhigt. Der Gedanke an dich macht mich nun nicht mehr tieftraurig und auch nicht himmelhoch jauchzend. Mein Gemüt hat sich beruhigt. Ich schlafe wieder gut, meine Träume sind so seltsam und verstörend wie eh und je, auch meine Weltanschauung hat wieder etwas positives abbekommen. Mein Gemüt hat sich beruhigt. Ich habe es geschafft, dass meine Texte wieder normal klingen und meine Zeichnungen nicht alle mit (Selbst-)Mord, Monstern oder gebrochenen Menschen zu tun haben. Mein Gemüt hat sich beruhigt.

Mein Handy surrt kurz zweimal. Mein Puls schnellt in die Höhe. Der Adrenalinspiegel steigt, Konzentration praktisch unmöglich. Aber mein Gemüt hat sich beruhigt, sage ich mir. Ich werde es nicht weiter beachten, wahrscheinlich ist es eh nichts und dann bin ich nur wieder enttäuscht und genervt. Mein Gemüt hat sich beruhigt.

Ich kann mich nicht mehr konzentrieren und bin zu hibbelig, um etwas Sinnvollem nachzugehen – ich nehme mein Handy aus der Tasche. Mein Gemüt hat sich beruhigt, sage ich mir. Es ist nichts, niemand Wichtiges, am Besten ignorieren – wenn der Lockscreen aufleuchtet, wird wahrscheinlich sowieso das WhatsApp-Symbol erscheinen, eben nichts Interessantes. Mein Gemüt soll sich verdammt noch mal beruhigen! Mein Herz klopft, als der Finger der Entsperren-Taste näher kommt. Gleich wird die große Wahrheit ans Licht gebracht. Mein Gemüt muss sich beruhigen. Was für eine Wahrheit? Ob ich irgendeine Nachricht oder eine Nachricht von dir bekommen habe. Was ist das für eine Wahrheit? Mein Gemüt beruhigt sich. Ich klicke auf die Taste. Mein Gemüt hat sich beruhigt.

Es ist kein WhatsApp-Symbol. Stattdessen der kleine Facebook-Messenger-Kasten. Mein Gemüt ist hinüber. Ungestüm und zittrig versuchen meine Finger den richtigen Code einzugeben. Nach dem zweiten Versuch klappt es. Beruhig dich endlich! Es könnte genauso gut irgendeine Freundin/irgendein Freund, ein Verein, mein Ex oder sonstwer sein der nicht meine Nummer hat, mich aber auf Facebook kennt. Ganz ruhig! Es ist dein Bild. Kein Zweifel besteht. Du hast mir eine Nachricht gesandt. Nicht irgendwer. Du. Ich sperre den Bildschirm wieder.

Was soll ich tun? Mein Gemüt ist ruhig, der Verstand arbeitet. Oder versucht es zumindest. Ich darf die Nachricht nicht sofort lesen, das würde ja verzweifelt rüberkommen. Bin ich etwa verzweifelt? Schon ein bisschen, aber es soll nicht so wirken. Ich sollte einfach noch ein bisschen warten, dann lesen, was du mir schriebst und dann ganz normal antworten. Normal. Ruhig. Ich lege das Handy weg. Mein Gemüt scheint ruhig zu sein.

Was soll ich ein paar Minuten lang machen? Ich schalte Musik an und genieße sie. Guter Anfang. Ich schließe die Augen und sehe dich. Schlechte Fortsetzung. Ich räume mein Zimmer auf und betätige mich ein wenig. Guter Abschluss. Es sind genau drei Minuten und zweiundzwanzig Sekunden vergangen. Das reicht, länger halte ich es sowieso nicht aus. Mein Gemüt ist alles andere als ruhig.

Ich entsperre das Handy und drücke auf dein Gesicht. Ich lese deine Worte. Dein Wort, besser gesagt. Hallo. Und meine Endorphine tanzen Samba. An Ruhe ist nicht mehr zu denken. Seit langem die erste Nachricht von dir.

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