Christa kam von der Probe. Wie jeden Mittwoch Abend. Sie hatte sich kurz verabschiedet und ging dann Richtung Zuhause. Vor sich hatte sie etwa einen Kilometer Fußweg, es war zwar schon stockfinster, aber die Straßen waren gut beleuchtet. Christa schaltete ihren iPod an und suchte sich ein gutes Album raus, sie hörte nichts mehr außer die Musik. So lief sie weiter und weiter, sie lief aus Gewohnheit automatisch den richtigen Weg. Normalerweise waren die Straßen um diese Uhrzeit schon leer. Kaum jemand begab sich nach Zehn noch auf den Weg. Würde sie nicht Musik hören, wäre die Stille bedrückend. Etwas unheimlich, aber nicht beunruhigend. Es wäre einfac … still. Zu still. Ein Ohrhörer fiel ihr aus dem Ohr – diese Dinger waren viel zu klein, als dass sie richtig hielten. In diesem kurzen Moment, in dem sie die Stille wahrnahm, bemerkte sie eine Gestalt hinter sich. Christa warf einen kurzen, möglichst unauffäligen Blick über ihre Schulter. Es war ein Mann, mit hängenden Schultern, er sah alt aus, aber das lag wohl an seiner schmuddligen Art. Er war auf jeden Fall nicht sonderlich vertrauenserweckend. Sie ließ den Ohrstecker hängen, so bekam sie mit, sollte er sich ihr nähern. Wahrscheinlich war sie einfach nur ein bisschen paranoid – aber sicher ist sicher. Nun beschleunigte sie auch etwas ihren Schritt. Es war spannend – wie ein Experiment, auf jeden Fall interessanter als ihr ansonsten eintönig verlaufendes Leben.  Christa wollte sehen, ob der Fremde auch beschleunigte. Sie war dann fast schon enttäuscht, als sie sah, wie sich der Abstand zwischen ihnen beiden immer weiter vergrößerte. Gelangweilt steckte sie den zweiten Ohrstecker wieder ins Ohr und beachtete den Mann nicht weiter. Im gleichen Trott wie zu Beginn lief sie weiter und konzentrierte sich voll auf das komplexe Drumsolo, das gerade gespielt wurde. Plötzlich zuckte sie zusammen und zwang sich ganz normal weiterzulaufen, als sie im Schein der Straßenlaterne einen Schatten ganz nah hinter sich bemerkte. Sie nahm wieder einen Stecker aus dem Ohr und hörte das kratzige Schnaufen eines Mannes. Es bedarf nicht großer Logikfähigkeit, um das Naheliegende zu erfassen: Der alte Mann von vorhin war hinter ihr. Nun vernahm sie auch seine leise Stimme „Ich krieg dich schon noch“. Sie hoffte sosehr, dass sie sich das nur eingebildet hatte und zog das Tempo an. Dieses Mal hielt er mit. Um sich nicht lächerlich zu machen, musste sie ganz sicher sein, dass er sie verfolgte. Deshalb nahm sie einen kleinen Weg, der eigentlich nur ein Umweg darstellte, der einige Häuser miteinander verband – er verfolgte sie auch über den Umweg. Nun konnte sie sich sicher sein und drehte sich um. Die rechte Hand ballte sie zur Faust und zog sie wie einen Pfeil im Bogen zurück. Die Linke blieb ausgestreckt mit offener Handfläche. Die Beine hatte sie stabil auf den Boden gestellt – wie sie es im Training einst gelernt hatte. Leise knurrte sie „Was willst du?“ Er schaute sie verdutzt an, aber nur einen Moment, er fasste sich gleich wieder und blickte finster, während er in eine Tasche griff. Im Schein einer nahe gelegener Straßenlaterne sah sie etwas aufblinken – er hatte ein Messer. Nun zeigte er es offen, in Kampfhaltung. „Lass mich in Ruhe“ versuchte er es, aber es bekam nur ein schmutziges Grinsen zur Antwort. In der Nähe wohnte ein Freundin. Sie machte einen Rückschritt, drehte sich um, und lief los. Keuchend kam sie an der Tür an und klingelte Sturm … [Fortsetztung folgt]

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